Nur nichts verpassen im Leben! Mit dieser Grundeinstellung steuerte ich als Jugendliche auf wichtige Lebensentscheidungen zu. Nein, ich will wirklich nichts verpassen!
Sr. Vreni
| Jahrgang | 1956 |
| Eintritt | 1981 |
| Beruf | Erzieherin |
| Arbeitsbereich | Gebetsdienst |
| Standort | Israel |
Nach einer behüteten aber durchaus nicht immer ganz einfachen Kindheit in einem winzigen Dorf an der Schweizer Grenze startete ich meine Berufsausbildung als Erzieherin. In dieser Zeit fing ich an mich mit Glaubensfragen auseinander zu setzen. Ich suchte und informierte mich überall wo ich nur konnte. Allerdings war mir klar, dass ich auf keinen Fall im christlichen Bereich suchen würde. Das orientalisch Mystische schien mir geheimnisvoller und faszinierend. Im christlichen Glauben war ich aufgewachsen, allerdings wurde der mir hauptsächlich so vermittelt, dass ein guter Christ ein braver Mensch sein solle. Nun, das war allerdings gar nicht das was ich anstrebte. Brav und nett christlich zu sein erschien mir als tödlich langweilig. So suchte ich eben in den orientalischen Quellen die mir damals zur Verfügung standen und sehnte mich nach Gott. Denn Sehnsucht hatte ich, eine unruhig flatternde Sehnsucht, die mich immer irgendwie begleitete und über die ich mit niemandem reden konnte.
Und dann wurde ich an einem Karfreitag in den Jugendkreis unserer Kirchengemeinde eingeladen. Ich ging nur deshalb hin, weil ich dummerweise mit einem Auto abgeholt wurde. Sonst hätte ich gekniffen. Die jungen Leute dort beeindruckten mich wegen ihrer Ausstrahlung , aber ehrlich gesagt, ich dachte sie seien sehr einfach und naiv. Ihr Glaube war ganz natürlich und praktisch, mir aber war da zu wenig Mystisches, keine ausgefallenen Gedankengespinste, kein Schnickschnack. Ich bin dann trotzdem immer wieder in diesen Jugendkreis gegangen und habe mich gefreut an Gemeinschaft und Freundschaft. Nach einigen Monaten harter Diskussionen mit meinen christlichen Freunden entschied ich mich auf einer Jugendfreizeit nach ziemlich großem innerem Kampf, es doch zu versuchen mit dem Glauben an Jesus und an die Bibel. Mittlerweile hatte ich auch schon verstanden, dass der Glaube keine langweilige Monotonie sein muss. Der Moment der konkreten Entscheidung sich auf Jesus einzulassen hat mein Leben dann tatsächlich total verändert. Die leere, dumpfe Sehnsucht von früher hat sich in eine erfüllte Sehnsucht verwandelt und die Tatsache von Gott so angenommen zu sein wie ich bin, hat mich begeistert. Geliebte Tochter zu sein - wow, das war faszinierend! Dazuzugehören, zu Jesus, für eine Ewigkeit, das hat meine Zukunftserwartungen übertroffen. Ich hatte den Eindruck ich verpasse nun wirklich nichts mehr, denn das Beste habe ich schon.
Durch Freizeiten bei der Jesus-Bruderschaft und bei den Christusträger-Brüdern wurde ich auch mit der Möglichkeit als Schwester zu leben bekannt. Es hat mich irgendwie fasziniert, dass man so verrückt sein könnte, alles auf eine Karte zu setzen, die Karte des Königs. Und deshalb fing ich an Gott zu fragen, ob er vielleicht so etwas von mir wollte. Ich wusste zwar von meinem eher rebellischen und unsteten Wesen her, dass das nicht einfach für mich werden würde. Auch die Tatsache, so eine Berufung für ein ganzes Leben lang durchzuhalten, hat mich eher in zweifelnden Respekt gebracht. Aber mit der Zeit wurden die Fragen und die innere Unruhe größer. Und dann hat mich ein Bibelvers fast schockierend konkret angesprochen:
„Der Meister ist da und ruft dich!“ Johannes 11,28
Als mir diese Berufung in die Schwesternschaft von Gott her klar wurde, bin ich erst mal geflohen… In eine ganz andere Richtung…
Mein Beruf bereitete mir Freude, Freundschaft und Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft waren wunderbar, ich fühlte mich gebraucht. Warum dann doch noch den Schritt gehen aus dem Gewohnten und geliebt Vertrauten aufzubrechen? Aber da war sie dann doch wieder diese unruhige Sehnsucht. Als ich dann die Christusträger-Schwestern kennenlernte, wurde es konkret. Der Ruf hallte in meinem Herzen unüberhörbar. Und dieses Mal habe ich „Ja“ gesagt und bin nicht ausgewichen. Für meine Familie war es schwer und es kam erst einmal zu einem fürchterlich schmerzhaften Bruch. Das tat ihnen und mir weh. Dieser Schmerz ist bis heute ein Stück weit geblieben und nie ganz geheilt.
Nach fünf Jahren im Haushalt bei den Schwestern in Bensheim-Auerbach und dem Lernen in Gemeinschaft zu leben, gab es wieder einen unüberhörbaren Ruf: In die Kinderarbeit der Christusträger-Schwestern in Argentinien. Trotz anfangs sehr großem Heimweh war es mir innerlich klar, dass das mein Platz ist. 35 Jahre lebte ich gemeinsam mit den Schwestern in S.S. de Jujuy in den Anden. Erstaunlich, was Gott da alles für mich bereit hatte. Neben sehr großen Herausforderungen in der Begleitung von Kindern und notleidenden Erwachsenen gab es Leitungsaufgaben und viele Situationen, die meinen Glauben und meine Begeisterung ziemlich ins Wackeln gebracht haben. Ich habe da so sehr diesen großen guten Hirten gebraucht, der meiner schlaffen Seele wieder aufgeholfen hat. Ich habe das Land Argentinien und seine Menschen sehr geliebt, fühlte mich als Teil von ihnen, angenommen und dazugehörig. Unendlich froh bin ich auch für die Geduld meiner Mitschwestern, die mich immer wieder in Liebe ausgehalten haben in meinen Glaubensschwankungen und meinen Kämpfen, aber auch in meiner Begeisterung. Soviel Gnade habe ich von ihnen erfahren und die innere Freiheit, so sein zu dürfen wie ich halt mal bin.
Jetzt bin ich pensioniert, hahaha! Gott hat mich gemeinsam mit Schwester Babet noch in ein ganz anderes Land und einen anderen Kontinent geführt. Wir wurden ausgesandt um noch ein paar Jahre in Israel zu leben und dort in Latrun die Brüder der Jesus-Bruderschaft in ihrem Gebets- und Gästedienst zu unterstützen. Nachdem lange Zeit Spanisch meine Herzenssprache war, lerne ich nun noch Hebräisch und Englisch. Gemeinsam mit Sr. Babet sind wir dankbar, hier zu sein und vor Ort, mitten im Krieg und der Niedergeschlagenheit und Not des Volkes für Land und Leute beten zu können. Eine echte Herausforderung, aber auch eine wunderbare Fügung Gottes, soviel höher und erstaunlicher als ich es mir je vorgestellt hätte.
Nein, verpasst habe ich im Leben wirklich nichts! Einfach deshalb, weil Gott immer dabei war und ist und weil Er immer wieder, bis heute, die Sehnsucht stillt und das Herz erfüllt.
Schwester Vreni (Im Ausland werde ich Schwester Veronika genannt)
(Und wer es wissen will: Wenn ich nochmal zu wählen hätte, ich würde wieder „Ja“ sagen zu diesem Ruf in die Schwesternschaft, denn …Er allein genügt!)