Actuell

Ich liebe Weihnachten – in Argentinien…

Unsere Stadt wirkt grell und hektisch. Überall  Leute, hupende Autos und Straßenverkäufer, die ihre Ware lauthals schreiend anbieten. Und dann noch diese Hitze! Mir rinnt der Schweiß von der Stirn. Vorweihnachtszeit in Jujuy!

In den ersten Jahren meines Hierseins hatte ich an Weihnachten oftmals eine Krise, nicht nur weil mich die feuchte Hitze des Hochsommers kombiniert mit vielen zusätzlichen Aufgaben schlapp und etwas gereizt macht, sondern auch, weil es absolut keine besinnliche Zeit ist. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, in diesen quirligen Tagen finde ich keine ruhige Minute für adventliche Betrachtung. Dabei sehne ich mich wirklich sehr danach.

Aber inzwischen macht das alles gar nichts! Ich möchte im Dezember an keinem Ort der Welt lieber sein als gerade hier. Ich freue mich auf Weihnachten!!! Es ist wunderbar, dass wir Schwestern gemeinsam mit dem einheimischen Mitarbeiterteam eine neue Festkultur in unserem Kinderheim Hogar del Sol und in der Kindertagesstätte Arche Noah schaffen können. Nein, nicht in dem wir deutsche Bräuche hierher importieren. Es geht um weit mehr. Es ist eine fantastische Gelegenheit, dieses Fest auf kreative Weise neu zu erobern und dabei dem tiefen Sinn der Weihnachtsbotschaft auf der Spur zu sein. Die Kinder, die Helfer und viele  Freunde machen da begeistert mit. Es ist spannend für sie und durchaus auch für uns.

Heute will ich vom Feiern im Kinderheim Hogar del Sol erzählen. Unsere „heilige Nacht“ beginnt  so ca. um 21 Uhr. Wir treffen uns in grosser Runde mit den ca 25 Kindern verschiedenen Alters. Meist sind auch etwa 50 Gäste anwesend. Unsere Art zu feiern zieht erwachsene Ex-Kinder und unsere Freunde an. Es sind auch immer einsame Menschen eingeladen.

Natürlich sind die Kinder aufgeregt und voller Erwartung. Moderne Lieder und bewegte Choreografien, in denen es um die Freude an Gott und die Geburt Jesu geht, haben sie selber vorbereitet. Die Teenie-Mädchen sind dabei voll in Aktion und haben mit den Kleineren geübt und organisiert. Sr. Babett hat mit ihnen alles wunderschön geschmückt mit Lichterketten und selber gemachten Dekos.

Und dann kommen die Überraschungen, die jedes Jahr anders sind: So kann es zum Beispiel sein, dass ein großer lebendiger Engel in strahlender Beleuchtung draußen auf dem Garagendach steht und allen, die  erstaunt zu ihm hochblicken verkündet, dass sie sich nicht zu fürchten brauchen.  Manche unserer Kinder haben große Ängste und viele offene Fragen: Wie wird es mit ihnen weitergehen? Kommen sie in Adoption? Schickt das Jugendamt sie in ihre chaotischen und kaputten Familien zurück oder dürfen sie im Heim bleiben? Ihre Zukunft ist so unsicher. Da tut es schon gut, wenn nicht ein Weihnachtsmann, sondern eben ein Himmelsbote ihnen die mutmachenden, uralten Worte zuspricht: „Fürchtet euch nicht…, denn für euch ist heute der Heiland geboren.“

Oder einmal begegnen wir unter den Bäumen einem Hirten mit zwei oder drei echten Schafen. Dieser erzählt uns begeistert, was er Übernatürliches erlebt hat. Die Begegnung mit dem Kind  hat sein Leben für immer verändert. Nichts ist wie vorher, nicht nur am Weihnachtsabend.

Vielleicht können die Kinder auch irgenwo ein  heimeliges Lagerfeuer entdecken. Und beim Näherkommen sitzen dort Maria und Josef mit dem Neugeborenen. Auch sie haben Faszinierendes zu erzählen. Während irgendwo ein Schäfchen blökt, können wir am nächtlichen Feuer die allerschönste Geschichte der Welt hören.

Letztes Jahr mussten wir erst die Straße beim Kinderheim freiräumen um zur lebendigen Krippe zu gelangen. Der Weg war mit rostigen Tonnen, grossen Steinen, Schrott und dicken Seilen versperrt und unzugänglich. Alle halfen begeistert mit und kehrten mit bereitliegenden Besen sogar freiwillig die Straße, als diese endlich von allem Schutt und allen Hindernissen befreit war. Und dabei wurden die Worte lebendig, die vor 2000 Jahren durch die jüdische Wüste gerufen wurden:  Bereitet dem Herrn den Weg!

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Kurz vor Mitternacht gibt es dann ein leckeres Festessen und danach werden die Geschenke verteilt. Überall fliegt das bunte Geschenkpapier herum. Die Kinder zeigen sich gegenseitig die neuen Spielsachen und Kleidungsstücke und beginnen auch gleich mitten im Gewühle zu spielen. Irgendwann müssen wir sie ins Bett schicken und noch das Gröbste aufräumen.

Wenn dann alles vorbei ist und ich so ca. um 3 Uhr morgens nochmal dankbar in den Nachthimmel schaue, dann bin  ich überzeugt , dass ich reich beschenkt bin, weil ich auf diese Weise feiern darf.

Nun bleibt die Frage offen, wie unser Feiern wohl dieses Jahr aussehen wird... Bei uns läuft nach  neun Monaten Lockdown gerade wieder alles fast normal. Im Kinderheim werden wir wie gewohnt feiern, wir sind ja schließlich eine große Familie. In der Tagesstätte ist das anders. Bis jetzt dürfen wir noch keine Kinder betreuen. Aber irgend eine Überraschung wird es auf jeden Fall  für sie geben, dazu sind wir fest entschlossen. Wir wollen Weihnachtswege finden, wo es anscheinend keine gibt… Und das Mut machende: „Fürchtet euch nicht !“ wird uns auch in diesem schweren Jahr mitten in der dunkeln Nacht zugesprochen. Schon alleine das ist ein Grund nicht aufzugeben.

Liebe Grüße auch von meiner Mitschwester Babett

Schwester Vreni

 

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