Nach langer Fahrt Kraft finden

Bereits am Morgen kommen die ersten Besucher in die Kapelle. Es sind drei Damen, die nach dem Frühstück in Wolpertshausen gezielt noch zur Kapelle gefahren sind. Sie erzählen: “Wir sind zum ersten Mal da. Die Regenbogenfenster sind wunderschön, auch die Darstellung von alttestamentlichen und neutestamentlichen Inhalten gefallen uns.“ Sie stellen fest, dass die Kapelle sehr gut angenommen wird. Tatsächlich reißt der Besucherstrom nicht ab.

 

Offensichtlich planen viele der Menschen, die später in die Kirche kommen, ganz gezielt nach dem Mittagessen in einer der Gaststätten der umliegenden Dörfer noch einen Abstecher zur Kapelle.

Drei befreundete Witwer aus Ingelfingen sind verblüfft, als sie erfahren, dass es sich um eine evangelische Kirche handelt. Gibt es doch in der Autobahnkapelle ein Weihwasserbecken und brennende Gebetskerzen. „Wir waren neugierig“, sagt Kurt W., „die Kapelle gefällt mir sehr. Wenn man hereinkommt, spürt man die Kraft, die vom Kirchenraum ausgeht.“

 

Kurz danach betritt eine Theologiestudentin aus Neuendettelsau die Kirche. Sie ist auf der Rückfahrt von einer Theateraufführung in Tübingen. „Die Farben und das Holz der Bänke finde ich sehr gelungen. Nach einer langen Autobahnfahrt ist eine Kirche zum Auftanken das richtige“, sagt sie nachdenklich.

 

Sr. Inge vom Hergershof schaut kurz nach dem Rechten und berichtet, dass viele Menschen erst in der Gruppe kommen, später nochmals allein. Andere zeigen ihren Besuchern ganz bewusst die neue Attraktion. „Vor kurzem kam ich in die Kapelle und fand einen polnischen Priester dort vor. Er hielt eine Messe für fünf Landsleute. Alle waren LKW-Fahrer. In diesem Monat haben Freunde von uns ein Picknick für die Trucker gemacht. Diese waren zuerst etwas zögernd, aber ließen sich dann doch einladen und waren verblüfft, dass es etwas umsonst für sie gab. Manche haben ein Neues Testament in ihrer Sprache mitgenommen “, berichtet Sr. Inge. Heute Mittag stehen wenige Laster auf dem Parkplatz. Viele ausländische, meiste osteuropäische Fahrer, wollen kein Gespräch. Ein Sachse sagt, er gehe nicht in Kirchen, er sei nicht gläubig. Anders dagegen ein Mann aus Ungarn. Freundlich berichtet er, dass er jeden Donnerstag auf der A6 hier vorbeifährt und, wenn es klappt, in die Kirche hineinschaut.

 

Ein älteres Paar aus Trier betritt zielstrebig die Kirche. „Wir möchten rasch eine Kerze für unsere Anliegen anzünden. Wir gehen öfters in Autobahnkapellen, vor allem an Sonn- und Feiertagen, wenn wir nicht in den regulären Gottesdienst gehen konnten. Das tut gut, damit geht der Stress weg.“

 

Die Kirchentür geht auf und Ulrike M. begleitet eine Familie in den Innenraum. Sie sagt, dass Jenny und Steve mit den Kindern Lissi und Tim aus Melbourne in Australien einen Europatrip machen. Jenny erzählt, dass man in Australien keine Autobahnkirchen kenne. „This chapel ist wonderful (Diese Kapelle ist wundervoll)“, sagt die Australierin lächelnd.

 

nach einem Artikel im HT am 26.7. 14 von Elvira Probst-Lipski

Mit freundlicher Genehmigung des Haller Tagblatts